Gesammelte Werke in Einzelausgaben / Die graue March
gebunden, 200 Seiten
Januar 1987Die graue March – March ist die alte alemannische Bezeichnung für ein Grenzgebiet – ist eine noch tatsächlich vorhandene Wildnis mitten im zivilisierten Europa. In dieser ungeheuren, in sich geschlossenen Welt haben auch die Menschen nur Bedeutung durch ihren Bezug zur Natur. Nahtlos gehen die Sphären ineinander über, und hinter allem stehen Gewalten, die ständig gegenwärtig sind, ohne je beim Namen genannt zu werden. Die gewaltige Natur eines schweizerischen Hochtals hat in diesem strengen, stolzen, durch und durch unpathetischen und völlig eigenständigen Buch all ihrer Unerbittlichkeit zeitlos gültigen Ausdruck gefunden.

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Pressestimmen
Tagblatt, 08. April 1988
P.S.-Buchbeilage, 05. Juli 2012
«Nüchtern wird beschrieben, wo die Welt in ihrer Schönheit grausam ist. Nicht nur bei der Jagd. Nähe zur Natur und Kargheit im Sozialen zeichnet die Figuren dieses an Handlung knapp gehaltenen, aber spannungsgeladenen Romans aus.» P.S.-Buchbeilage
«Nichts wirkt überhöht; wenn ein Hauch von Kitsch in die dürftige, bedürftige Welt dringt, wird er gekonnt weggewischt.» P.S.-Buchbeilage
Entdecken
Im vorrückenden Abend entblößte der weichende Nebel auch das tiefere Gebiet der Grauen March. Die nördlich abfallenden Wälder sind in ihrer Mitte zu einem breiten Kamm gegiebelt, der sich mit Sätteln und Höckern vom Fuß der Grauen Flühe gegen Mitternacht zur Hirzelkuppe hinzieht; rechts und links davon bedecken sie, von Schluchten durchfurcht, alle Hänge. Der breite Kamm, der Giebelfirst, bildet die Schranke zwischen zwei Hochtälern, die gleichmäßig nach Norden in das Rickental hinabsteigen; das engere östliche, das Teuftal, verlor sich schon in der Dunkelheit, im westlichen, im Schwendital, traten verstreute Bauernhöfe und spärliche Weiden eben noch aus der Dämmerung. An der kantigen Spitze des Wilden Horns, weit draußen im Osten, verblaßte das letzte Licht. Die Nacht stieg aus den Tälern herauf.
Ein Tier mit spitzem Gesicht und buschiger Rute, ein starker rotgelber Fuchs, kam von der Hirzelkuppe her über den Giebelfirst, ruhig, gleichmäßig, lautlos, als ob er nicht ginge, sondern über den Waldboden hinglitte, in der dauernden Spannung aller Sinne, die sein freies und gefährliches Nachtlebenverlangt. Unter den letzten Tannen hielt er an, lauschte, äugte und prüfte die Luft, er «sicherte», wie alle wildlebenden Tiere, dann verließ er die Waldgrenze, umging die Grauen Flühe und suchte im mächtigen Geröll der Südseite eine Höhle auf, einen natürlichen alten Fuchsbau, den er im letzten Winter verlassen hatte. Er wollte ihn wieder beziehen, in den Wäldern unten wurde es unruhig, in seiner Sommerwohnung war er mit Rauch und Feuer belästigt worden. Dieser Bau wurde von einem jüngern Fuchse bewohnt, aber es störte ihn wenig, er war ein starker Bergfuchs und hier weitherum der älteste. Er schloff durch eine Felsspalte hinab ein, untersuchte die Wohnung und folgte draußen eine Weile der Spur des abwesenden Besitzers, die nach Westen in den Sonnenbergwald hinabführte, dann kehrte er um und wandte sich, wiederum lautlos und wie am Schnürchen gleitend, gegen Osten, er «schnürte» über den östlichen Grat den Rauhen Stöcken zu.
